Schlagwort-Archive: Grenzen spüren

AUF DEI­NE GEFÜH­LE KANNST DU DICH NICHT ZU 100% VERLASSEN

Elisabeth Ritzerfeld*, 70 Jahre, Kinder­kranken­schwester i. R., 4 Kinder, 7 Enkelkinder

Als ich vor 40 Jah­ren im Kran­ken­haus mit einer jun­gen Mut­ter zu tun hat­te, dach­te ich „Na ja, mit 18 Mut­ter zu wer­den ist ja nicht ide­al. Die ist doch noch gar nicht reif genug.“ Aber dann habe ich gemerkt, dass das nicht stimm­te. Die jun­ge Frau war sym­pa­thisch, ver­ant­wor­tungs­be­wusst und rei­fer als ich zuerst dachte.

So ist es doch oft. Man macht sich einen Ein­druck und denkt „die­ser Mensch ist so und so.“ Aber ich fin­de, dass man offen und lern­fä­hig blei­ben muss. Ich kann nicht von mir auf ande­re schlie­ßen. Mei­ne eige­nen Gren­zen kann ich nicht als all­ge­mei­ne Gren­zen anneh­men. Ich bin ja ganz anders groß gewor­den als ande­re. Des­we­gen bin ich mit mei­nem eige­nen Gespür vor­sich­tig gewor­den. Ich traue mei­ner eige­nen Wahr­heit nicht 100%ig und ver­su­che Men­schen nicht sofort in Schub­la­den zu ste­cken. Ich weiß, dass der Boden unsi­cher ist.

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ICH KOM­ME AUS DEM HAMS­TER­RAD NICHT RAUS

Thorsten Lindner*, 48 Jahre, verheiratet, Unternehmensberater, 2 Kinder

Wenn ich über Gren­zen nach­den­ke, den­ke ich zwangs­läu­fig über Schei­tern nach, weil damit eine Gren­ze mar­kiert ist.
Letz­tes Jahr war es bei mir bei­na­he soweit. Anfang des Jah­res kam das Finanz­amt mit einer sehr hohen For­de­rung auf mich zu. Die Sum­me an sich war gar nicht das Pro­blem, wohl aber der Ter­min zu dem ich die Zah­lung zu leis­ten hat­te.
Mei­ne Kun­den zah­len in der Regel alle, jedoch zum Teil mit sehr lan­gen Zah­lungs­zie­len von bis zu zwei Mona­ten. Genau das war das Pro­blem. Es war abseh­bar, dass ich das Geld zum genann­ten Ter­min nicht haben wür­de.
Alles Reden und Ver­han­deln half nichts. Ich konn­te mit dem für mich zustän­di­gen Finanz­be­am­ten kein ande­res Zah­lungs­ziel ver­ein­ba­ren. Wir waren kurz davor zah­lungs­un­fä­hig zu wer­den – mein Unter­neh­men und mei­ne Fami­lie stan­den kurz vor der Insol­venz, kurz vorm Schei­tern. 
Ich habe dann gear­bei­tet wie ein Beses­se­ner und somit das Ruder gera­de noch­mal rum­ge­ris­sen. Die Zah­lung konn­te ich dann gera­de so zum ver­ein­bar­ten Zeit­punkt leis­ten.
Aber ich war unglaub­lich wütend und auch hilf­los, dass unser Finanz­sys­tem so etwas zulas­sen wür­de.
Jetzt läuft wie­der alles eini­ger­ma­ßen, aber ich bin immer noch am Ackern und Rödeln und neh­me nahe­zu alles an, was kommt. Urlaub habe ich die­ses Jahr auch kei­nen rich­ti­gen gehabt. Und das mer­ke ich. Ich brau­che immer län­ger, bis ich mich rege­ne­rie­ren kann. Mit nur mal Aus­schla­fen ist es da nicht getan. Ich bin erschöpft.
Jetzt habe ich vor zwei Wochen wie­der eine Benach­rich­ti­gung bekom­men, dass ich Nach­zah­lun­gen leis­ten muss. Das hört ein­fach nicht auf. Ich kom­me aus die­sem Hams­ter­rad nicht her­aus.
Manch­mal hät­te ich gute Lust alles hinzuwerfen.

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