Archiv f√ľr den Monat: November 2014

WIE KANN MAN SICH K√ĖR¬≠PER¬≠LICH NUR SO RUNTERWIRTSCHAFTEN?

Bernd Hetzel*, 47 Jahre, Intensivpfleger

Wir hat­ten ein­mal einen Pati­en­ten, 29 Jah­re alt, der bei 1,67 Körper­größe 180 Kilo wog. Es war kein krank­heits­bedingtes Über­gewicht, son­dern im Lau­fe der Jah­re ent­standen.
√úber den Win¬≠ter hat¬≠te er eine Grip¬≠pe ver¬≠schleppt und sich so eine schwe¬≠re Herz¬≠mus¬≠kel¬≠ent¬≠z√ľn¬≠dung zuge¬≠zo¬≠gen. Er kam ins Kran¬≠ken¬≠haus, weil er kaum noch Luft bekam. Das war auch kein Wun¬≠der, denn sein Herz hat¬≠te nur noch 10% Pump¬≠kraft, nor¬≠mal sind 50‚Äď60%.
Das Herz war irrepa¬≠ra¬≠bel kaputt, er h√§t¬≠te ein neu¬≠es gebraucht. Doch f√ľr eine Trans¬≠plan¬≠ta¬≠ti¬≠on war er viel zu dick. Zum Abneh¬≠men h√§t¬≠te die Zeit nicht gereicht. Es war klar, dass er tod¬≠krank ist und in den n√§chs¬≠ten Wochen ster¬≠ben w√ľr¬≠de. Er soll¬≠te das Bett nicht ver¬≠las¬≠sen, weil bereits der Gang zur Toi¬≠let¬≠te sein Herz total √ľber¬≠for¬≠dert hat.
Das Waschen eines sol¬≠chen K√∂r¬≠pers war nicht sch√∂n. In den vie¬≠len K√∂r¬≠per¬≠fal¬≠ten war die Haut schon wund und roch gar nicht gut. Ich ver¬≠ste¬≠he das nicht. Das ist doch ein jun¬≠ger Mensch. Da will man doch was ande¬≠res. Sei¬≠ne Freun¬≠din sah genau¬≠so aus. Am liebs¬≠ten h√§t¬≠te ich die bei¬≠den genom¬≠men und gesch√ľt¬≠telt und gesagt: ‚ÄěWas macht Ihr nur mit Eurem K√∂r¬≠per? Wie kann man sich nur so run¬≠ter¬≠wirt¬≠schaf¬≠ten!?‚Äú
Der Pati¬≠ent hat den Ernst sei¬≠ner Lage ein¬≠fach nicht ver¬≠stan¬≠den. Er ist trotz¬≠dem auf¬≠ge¬≠stan¬≠den, um zur Toi¬≠let¬≠te zu gehen. Klar, dass er dabei umge¬≠kippt ist.

*Name geän­dert

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr dar√ľber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

HIER K√ĖN¬≠NEN WIR KEI¬≠NE KIN¬≠DER BEKOMMEN!

Oliver Stafford*, 32 Jahre, Industriekaufmann, 2 Kinder

Ich war acht Jah¬≠re alt, als die Mau¬≠er fiel. F√ľr mei¬≠ne Eltern ist es bis heu¬≠te die gr√∂√ü¬≠te Kata¬≠stro¬≠phe ihres Lebens, dass es die DDR nicht mehr gibt. F√ľr mich nicht.
Sch√∂n fand ich damals als Kind das Zusam¬≠men¬≠ge¬≠h√∂¬≠rig¬≠keits¬≠ge¬≠f√ľhl in der Pio¬≠nier-Grup¬≠pe. Aber die Ost¬≠block-Men¬≠ta¬≠li¬≠t√§t in der Kin¬≠der¬≠er¬≠zie¬≠hung war nicht mein Ding. Als Kin¬≠der soll¬≠ten wir:

  • still sit¬≠zen
  • ruhig sein
  • kei¬≠ne Fra¬≠gen stellen
  • nicht auf¬≠fal¬≠len

Mit 16 bin ich dann von zu Hau­se weg zur Aus­bil­dung in ein gro­ßes Auto­mo­bil­un­ter­neh­men im Wes­ten Deutsch­lands gegan­gen. Die Aus­bil­dung und die Ermu­ti­gung mei­nes Chefs selbst­stän­dig zu arbei­ten haben mir super gefal­len.
Nach 5 Jah¬≠ren bin ich wie¬≠der zur√ľck in den Osten gegan¬≠gen, weil ich in der N√§he mei¬≠ner Fami¬≠lie und mei¬≠ner Freun¬≠de sein woll¬≠te. Ich h√§t¬≠te nicht gedacht, dass die Unter¬≠schie¬≠de so krass sind. Ich hat¬≠te das Gef√ľhl, dass die Men¬≠schen nur jam¬≠mern und trau¬≠rig sind. Sie trau¬≠en sich nicht, was zu √§ndern. Beson¬≠ders auf der Arbeit war das hier¬≠ar¬≠chi¬≠sche Den¬≠ken stark aus¬≠ge¬≠pr√§gt im Sin¬≠ne von ‚ÄěDer Chef hat Recht und wenn der nicht anders will, k√∂n¬≠nen wir nichts dage¬≠gen tun.‚Äú Ich habe ver¬≠sucht, mei¬≠ne Kol¬≠le¬≠gen davon zu √ľber¬≠zeu¬≠gen, dass wir gemein¬≠sam sehr wohl etwas errei¬≠chen und ver¬≠√§n¬≠dern k√∂n¬≠nen, aber die ande¬≠ren haben sich nicht getraut. Ich habe dann sel¬≠ber gemerkt, dass ich so nicht leben kann, weil ich nicht mehr fr√∂h¬≠lich bin. ‚ÄěHier k√∂n¬≠nen wir kei¬≠ne Kin¬≠der bekom¬≠men.‚Äú sag¬≠te ich schlie√ü¬≠lich nach vie¬≠len Anpas¬≠sungs¬≠ver¬≠su¬≠chen zu mei¬≠ner Frau.
Wir sind dann wie¬≠der in eine Gro√ü¬≠stadt im ‚ÄěWes¬≠ten‚Äú gezo¬≠gen.
Unse¬≠re Kin¬≠der sind jetzt 2 und 5 Jah¬≠re alt. Ich m√∂ch¬≠te sie zur Frei¬≠heit erzie¬≠hen. Das macht auch M√ľhe. Sie stel¬≠len vie¬≠le Fra¬≠gen, gehen offen auf ande¬≠re Men¬≠schen zu. Man¬≠che Leu¬≠te emp¬≠fin¬≠den das als anstren¬≠gend und fast nicht zumut¬≠bar. Im Restau¬≠rant gibt es sicher bra¬≠ve¬≠re Kin¬≠der als unse¬≠re ‚ÄĒ Kin¬≠der, die eine Stun¬≠de lang still sit¬≠zen k√∂n¬≠nen. Aber unse¬≠re Kin¬≠der k√∂n¬≠nen ande¬≠re, ganz wich¬≠ti¬≠ge Din¬≠ge: Men¬≠schen hel¬≠fen, sich f√ľr ande¬≠re inter¬≠es¬≠sie¬≠ren und sich √ľber Klei¬≠nig¬≠kei¬≠ten freu¬≠en. Sie neh¬≠men wirk¬≠lich Anteil an ihrer Umwelt und wol¬≠len die Welt ent¬≠de¬≠cken.
Mei¬≠ne Eltern k√∂n¬≠nen unse¬≠ren Erzie¬≠hungs¬≠stil nicht nach¬≠voll¬≠zie¬≠hen. Sie sind in ihrer Ost¬≠block-Men¬≠ta¬≠li¬≠t√§t bis heu¬≠te gefangen. 

*Name geän­dert

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr dar√ľber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.