GRENZEN ÜBERWINDEN

HIER KÖN­NEN WIR KEI­NE KIN­DER BEKOM­MEN!

Oliver Stafford*, 32 Jahre, Industriekaufmann, 2 Kinder

Ich war acht Jah­re alt, als die Mau­er fiel. Für mei­ne Eltern ist es bis heu­te die größ­te Kata­stro­phe ihres Lebens, dass es die DDR nicht mehr gibt. Für mich nicht.
Schön fand ich damals als Kind das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl in der Pio­nier-Grup­pe. Aber die Ost­block-Men­ta­li­tät in der Kin­der­er­zie­hung war nicht mein Ding. Als Kin­der soll­ten wir:

  • still sit­zen
  • ruhig sein
  • kei­ne Fra­gen stel­len
  • nicht auf­fal­len

Mit 16 bin ich dann von zu Hau­se weg zur Aus­bil­dung in ein gro­ßes Auto­mo­bil­un­ter­neh­men im Wes­ten Deutsch­lands gegan­gen. Die Aus­bil­dung und die Ermu­ti­gung mei­nes Chefs selbst­stän­dig zu arbei­ten haben mir super gefal­len.
Nach 5 Jah­ren bin ich wie­der zurück in den Osten gegan­gen, weil ich in der Nähe mei­ner Fami­lie und mei­ner Freun­de sein woll­te. Ich hät­te nicht gedacht, dass die Unter­schie­de so krass sind. Ich hat­te das Gefühl, dass die Men­schen nur jam­mern und trau­rig sind. Sie trau­en sich nicht, was zu ändern. Beson­ders auf der Arbeit war das hier­ar­chi­sche Den­ken stark aus­ge­prägt im Sin­ne von „Der Chef hat Recht und wenn der nicht anders will, kön­nen wir nichts dage­gen tun.“ Ich habe ver­sucht, mei­ne Kol­le­gen davon zu über­zeu­gen, dass wir gemein­sam sehr wohl etwas errei­chen und ver­än­dern kön­nen, aber die ande­ren haben sich nicht getraut. Ich habe dann sel­ber gemerkt, dass ich so nicht leben kann, weil ich nicht mehr fröh­lich bin. „Hier kön­nen wir kei­ne Kin­der bekom­men.“ sag­te ich schließ­lich nach vie­len Anpas­sungs­ver­su­chen zu mei­ner Frau.
Wir sind dann wie­der in eine Groß­stadt im „Wes­ten“ gezo­gen.
Unse­re Kin­der sind jetzt 2 und 5 Jah­re alt. Ich möch­te sie zur Frei­heit erzie­hen. Das macht auch Mühe. Sie stel­len vie­le Fra­gen, gehen offen auf ande­re Men­schen zu. Man­che Leu­te emp­fin­den das als anstren­gend und fast nicht zumut­bar. Im Restau­rant gibt es sicher bra­ve­re Kin­der als unse­re — Kin­der, die eine Stun­de lang still sit­zen kön­nen. Aber unse­re Kin­der kön­nen ande­re, ganz wich­ti­ge Din­ge: Men­schen hel­fen, sich für ande­re inter­es­sie­ren und sich über Klei­nig­kei­ten freu­en. Sie neh­men wirk­lich Anteil an ihrer Umwelt und wol­len die Welt ent­de­cken.
Mei­ne Eltern kön­nen unse­ren Erzie­hungs­stil nicht nach­voll­zie­hen. Sie sind in ihrer Ost­block-Men­ta­li­tät bis heu­te gefan­gen. 

*Name geän­dert

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