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DER­ZEIT BIN ICH MIT MEI­NEN GREN­ZEN IM REINEN

Sabine Wohlfahrt*, 44, verheiratet, 4 Kinder, selbständig

Im letz¬≠ten Jahr habe ich manch¬≠mal noch sehr geha¬≠dert. Mein Beruf macht mir viel Freu¬≠de, aber ich habe auch gemerkt, wie wich¬≠tig es ist f√ľr die Kin¬≠der da zu sein, Zeit zu haben, sich zu k√ľm¬≠mern, Essen zu kochen und, und und. 
Allem gerecht zu wer¬≠den ist nicht immer so ein¬≠fach. Irgend¬≠wie hechelt man immer irgend¬≠et¬≠was hin¬≠ter¬≠her. Das ist anstren¬≠gend und kos¬≠tet so viel Ener¬≠gie. 
Man l√§sst Federn ‚Äď im wahrs¬≠ten Sin¬≠ne des Wor¬≠tes. Die Leich¬≠tig¬≠keit und Lebens¬≠freu¬≠de blei¬≠ben auf der Stre¬≠cke. 
Ich habe mei¬≠ne Auf¬≠ga¬≠be jetzt bewusst ange¬≠nom¬≠men: F√ľr die n√§chs¬≠ten Jah¬≠re ste¬≠hen die Kin¬≠der im Vor¬≠der¬≠grund. Und nat√ľr¬≠lich bedeu¬≠tet das auch Gren¬≠zen. 
Gera­de weil das so ist und auch äußer­lich bestimm­te Bedin­gun­gen so sind, wie sind, ver­su­che ich es mir in mei­nen Gren­zen so nett wie mög­lich zu machen.
Ich mache mein Zeug, ich schaue, dass es hier in der Fami­lie läuft, aber ich schaue auch, dass es mir Freu­de macht und manch­mal mache ich Din­ge auch ein­fach nicht gleich und jetzt, son­dern ein ander­mal oder am nächs­ten Tag. Es geht eben nicht immer alles gleich­zei­tig.
Ich ver¬≠su¬≠che der¬≠zeit so wenig Stress wie m√∂g¬≠lich zu haben. Es ist eine Zeit der Feder¬≠pfle¬≠ge. So sehe ich das. Es kom¬≠men ja auch wie¬≠der ande¬≠re Zei¬≠ten, wenn etwas mit den eige¬≠nen Eltern oder den Kin¬≠dern ist. Ganz sicher. 

Das hei√üt, der¬≠zeit bin ich mit mei¬≠nen Gren¬≠zen von innen und au√üen im Rei¬≠nen. Das ist im Grund doch gro√ü¬≠ar¬≠tig. Es gibt gera¬≠de nichts, wor¬≠√ľber ich mich aufrege.

*Name geän­dert

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IN JUN¬≠GEN JAH¬≠REN HABE ICH √ĖFTER GREN¬≠ZEN √úBERSCHRITTEN

Peter Schneider*, 39 Jahre, 3 Kinder, angestellt

Mit Anfang 20 bin ich durch S√ľd¬≠ame¬≠ri¬≠ka gereist. W√§h¬≠rend einer 20-st√ľn¬≠di¬≠gen Bus¬≠fahrt sa√ü ich neben einer jun¬≠gen Frau. Wir haben w√§h¬≠rend der gan¬≠zen Fahrt nicht mit¬≠ein¬≠an¬≠der gespro¬≠chen, ich kann¬≠te ihren Namen nicht und doch f√ľhl¬≠te ich mich mit ihr auf beson¬≠de¬≠re Wei¬≠se ver¬≠bun¬≠den.
Kurz bevor sie aus¬≠stieg, frag¬≠te ich sie, ob ich sie k√ľs¬≠sen darf. Sie hat ‚ÄěJa‚Äú gesagt. Wir haben uns gek√ľsst, sie ist aus¬≠ge¬≠stie¬≠gen und ich bin wei¬≠ter¬≠ge¬≠fah¬≠ren. Ein ein¬≠ma¬≠li¬≠ges inten¬≠si¬≠ves Erleb¬≠nis. 
Wenn ich an den Kuss den¬≠ke, kann ich mich an ein Lebens¬≠ge¬≠f√ľhl von damals erin¬≠nern: 
Ich war sorg¬≠los, √ľber¬≠m√ľ¬≠tig, zuver¬≠sicht¬≠lich und frei. Nicht immer, aber doch sehr oft. Es war so ein Gef√ľhl von ‚ÄěWas kos¬≠tet die Welt?‚Äú oder ‚ÄěJeder Tag ein Aben¬≠teu¬≠er!‚Äú 
Bei der Erin¬≠ne¬≠rung an die¬≠se Zeit f√ľh¬≠le ich mich wie¬≠der sehr leben¬≠dig.
Durch mei¬≠nen Beruf tref¬≠fe ich vie¬≠le Men¬≠schen, die sich nach dem frei¬≠en Gef√ľhl ihrer Jugend seh¬≠nen und sich heu¬≠te manch¬≠mal inner¬≠halb ihrer eige¬≠nen Gren¬≠zen erstarrt f√ľh¬≠len. Das gilt auch f√ľr die Gren¬≠zen, die der Ein¬≠zel¬≠ne durch fes¬≠te und dau¬≠er¬≠haf¬≠te Bezie¬≠hun¬≠gen sp√ľrt, ob ver¬≠hei¬≠ra¬≠tet oder nicht. Auch in Freun¬≠des¬≠krei¬≠sen gibt es das.
In jun¬≠gen Jah¬≠ren √ľber¬≠schrei¬≠ten Men¬≠schen √∂fter Gren¬≠zen ‚Äď aus Neu¬≠gier, Leicht¬≠sinn, Lebens¬≠freu¬≠de und oft aus einem spon¬≠ta¬≠nen Erle¬≠ben her¬≠aus.
Irgend¬≠wann ein¬≠mal √§ndert sich etwas. Dann blei¬≠ben wir mehr in unse¬≠ren Gren¬≠zen, pas¬≠sen sie an ‚Äď an die Gren¬≠zen von Vor¬≠ge¬≠setz¬≠ten, Part¬≠nern, Fami¬≠lie und Men¬≠schen in unse¬≠rem Umfeld.
Wir rich¬≠ten uns unser Leben inner¬≠halb die¬≠ser Gren¬≠zen ein und f√ľr eine gewis¬≠se Zeit ist alles gut.
Doch irgend¬≠wann blitzt die Erin¬≠ne¬≠rung an fr√ľ¬≠he¬≠re Erfah¬≠run¬≠gen und Grenz¬≠√ľber¬≠schrei¬≠tun¬≠gen wie¬≠der auf. Eine Sehn¬≠sucht Gren¬≠zen zu √ľber¬≠tre¬≠ten. End¬≠lich wie¬≠der mal. Noch ein¬≠mal. Wir begin¬≠nen, uns danach zu seh¬≠nen Gren¬≠zen nie¬≠der¬≠zu¬≠rei¬≠√üen oder, wenn das nicht geht oder zu radi¬≠kal ist, sie zumin¬≠dest zu √ľber¬≠tre¬≠ten. Und es geht vor allem um das Gef√ľhl der Leben¬≠dig¬≠keit, das wir dabei wie¬≠der sp√ľ¬≠ren wol¬≠len. 
Oft genug tun Men¬≠schen das auch. Und erle¬≠ben dabei doch nicht mehr das Gef√ľhl, dass sie suchen oder ver¬≠mis¬≠sen ‚Äď denn zwi¬≠schen den Erfah¬≠run¬≠gen lie¬≠gen Jah¬≠re, manch¬≠mal Jahr¬≠zehn¬≠te. Eine Zeit, in der in fes¬≠ten Bezie¬≠hun¬≠gen Lie¬≠be, Ver¬≠trau¬≠en und Loya¬≠li¬≠t√§t gewach¬≠sen ist.

Sol¬≠len wir es dann doch lie¬≠ber las¬≠sen und uns f√ľr immer in unse¬≠ren Gren¬≠zen arran¬≠gie¬≠ren?
Sicher nicht. Wir d√ľr¬≠fen immer wie¬≠der nach¬≠sp√ľ¬≠ren, wel¬≠che Gren¬≠zen uns gut tun und wel¬≠che nicht. Nur √ľber eins soll¬≠ten wir uns klar sein: Das √úber¬≠schrei¬≠ten von Gren¬≠zen ‚Äěaus purer Lebens¬≠freu¬≠de‚Äú, das uns als Lebens¬≠ge¬≠f√ľhl fr√ľ¬≠her begeis¬≠tert und befl√ľ¬≠gelt hat, l√§sst sich Jah¬≠re sp√§¬≠ter nicht ein¬≠fach so wie¬≠der¬≠ho¬≠len. Ein spon¬≠ta¬≠ner Kuss im Bus h√§t¬≠te heu¬≠te viel¬≠leicht Fol¬≠gen, die wir in letz¬≠ter Kon¬≠se¬≠quenz gar nicht m√∂ch¬≠ten. Leben¬≠dig f√ľh¬≠len k√∂n¬≠nen wir uns auch so.

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