GRENZEN ACHTEN

MAMA, ICH HABE HUN­GER!”

Dorothea Schöberl*, 51 Jahre, selbständige Psychotherapeutin, 1 Tochter

Mei­ne Toch­ter ist 23 und längst zu Hau­se aus­ge­zo­gen. Wir sehen uns regel­mä­ßig und das genie­ßen wir bei­de sehr. Irgend­wann ist mir auf­ge­fal­len, dass sie spä­tes­tens 30 Minu­ten, nach­dem wir uns getrof­fen haben sagt: „Mama, ich habe Hun­ger!“
Ich habe dann ange­fan­gen, schon vor der Ver­ab­re­dung zu über­le­gen wie und wo sie etwas zu essen bekom­men kann, wenn sie wie­der Hun­ger bekommt.
Es hat sich aber nicht gut ange­fühlt irgend­wie „unstim­mig“ und es hat mich mehr und mehr wütend gemacht. In einer Super­vi­si­on bin ich dann der Fra­ge nach­ge­gan­gen, war­um die­ses „Mama, ich habe Hun­ger!“ mich so auf­wühlt: Ich füh­le mich in frü­he­re Zei­ten zurück­ver­setzt mit mei­nen müt­ter­li­chen Ver­sor­gungs­auf­trag, der Tup­per­do­se und den Apfel­schnit­zen. Das passt heu­te nicht mehr zu unse­rem Ver­hält­nis. Das will ich nicht mehr. Mei­ne Toch­ter ist 23 und kann doch sel­ber dafür sor­gen, dass sie satt ist. 
Ich habe mei­ner Toch­ter schließ­lich gesagt, was die­ser Satz bei mir aus­löst. Mei­ne Ehr­lich­keit hat sie sehr berührt und wir konn­ten gut dar­über reden und gemein­sam hin spü­ren, was da wohl dahin­ter­steckt, sowohl bei ihr als auch bei mir. Es war ein sehr inni­ges Gespräch.

Natür­lich hat sie heu­te auch noch manch­mal Hun­ger, wenn wir uns tref­fen. Sie kommt oft direkt von der Uni. Aber jetzt machen wir das anders. Wir ver­ab­re­den uns zum Bei­spiel ganz gezielt zum Essen gehen. Wir kön­nen auch gut dar­über lachen, wenn ich sie kurz nach der Begrü­ßung fra­ge, „Wie? Du hast kei­nen Hun­ger? Bist Du krank?“

*Name geän­dert

 

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